Einordnung & Management-Perspektive
Hot-Tubbing (auch: Expert Witness Conferencing) ist ein Format, in dem mehrere Sachverständige gleichzeitig vor dem Tribunal aussagen und miteinander diskutieren. Der Ansatz hat seinen Ursprung in Australien und ist inzwischen in internationalen Schiedsverfahren verbreitet; in europäischen Verfahren wird er zunehmend genutzt. Für die Geschäftsführungen, Inhouse-Juristen und die Councels stellt sich die strategische Frage: Mehr Effizienz und Klarheit – oder Kontrollverlust und Due-Process-Risiken?
Was ist Hot-Tubbing?
Im Unterschied zur klassischen sequenziellen Vernehmung sitzen alle relevanten Experten gleichzeitig vor dem Tribunal. Sie beantworten Fragen des Tribunals und der Parteivertreter, reagieren unmittelbar aufeinander und erläutern Methoden sowie Ergebnisse im direkten Austausch. Technische Differenzen treten schneller zutage; die Diskussion fokussiert sich auf die wirklich streitigen Punkte.
Chancen & Effizienzgewinne
- Zeiteinsparung: Parallele Befragung reduziert Wiederholungen und Doppelungen; Verhandlungstage lassen sich häufig spürbar verkürzen.
- Qualitätsgewinn: Abweichende Annahmen und Methoden werden transparent; Fehler fallen schneller auf.
- Bessere Entscheidungsgrundlage: Das Tribunal erhält einen unmittelbaren Vergleich divergierender Denkwege – hilfreich für Haftung, Quantum und Causation.
- Strategischer Fokus: Frontenbildung nimmt ab; der Streit „atmet“ mehr Inhalt als Rhetorik.
Risiken & Grenzen
- Dominanz-Effekte: Rhetorisch starke oder etablierte Experten können Diskussionen prägen; weniger erfahrene Stimmen drohen zu verblassen.
- Kontrollverlust: Der Auftritt ist weniger inszenierbar; spontane Wendungen sind möglich.
- Due-Process: Es bedarf klarer Regeln (Redezeiten, Reihenfolge, Fragerechte), um rechtliches Gehör sicherzustellen.
- Ungeeignete Fälle: Bei einfachen Sachverhalten, reinen Glaubwürdigkeitsfragen oder stark asymmetrischer Expertise kann das klassische Setting überlegen sein.
Wann ist Hot-Tubbing geeignet?
Besonders sinnvoll ist das Format in komplexen Bau-, Energie- und Infrastrukturstreitigkeiten, bei forensischen Accounting-Themen, Schadensquantifizierung und Modellfragen (z. B. Preis-/Mengenmodelle, Delay-Analysen). Voraussetzung ist eine sachlich strukturierte Streitlage und die Bereitschaft aller Verfahrensbeteiligten, klare Spielregeln zu akzeptieren.
How-to: Vorbereitung und Ablauf
- Eignungscheck: Komplexität, Themenbündel, Symmetrie der Expertenteams prüfen.
- Scope definieren: Gemeinsame Issues List mit strittigen Punkten (Methoden, Annahmen, Inputs).
- Protokoll vereinbaren: Moderationsrolle des Tribunals, Reihenfolgen, Zeitmanagement, Dokumentenumgang, Fragerechte (Tribunal, Counsel, Experten untereinander).
- Unterlagen bündeln: Joint Statement der Experten (Agreements/Differences), Kurzfolien nur bei Bedarf.
- Due-Process-Safeguards: Gleiche Redezeit, Möglichkeit zu kurzen Rücksprachen, klare Unterbrechungsregeln.
- Durchführung: Kurzes Methoden-Opening, dann thematische Blöcke; Tribunal fasst nach jedem Block vorläufig zusammen.
- Nachbereitung: Kurzes Post-Conferencing Note (vom Tribunal veranlasst): festgehaltene Übereinstimmungen, Reststreitpunkte, etwaige Zusatzfragen.
Moderationsleitlinien (Tribunal)
- Neutraler Einstieg: Sachverständige skizzieren jeweils Methode und Kernannahmen in max. 3–5 Minuten.
- Blockweise Führung entlang der Issues List; pro Block: Tribunalfragen → kurze Peer-Reaktionen → Counsel-Fragen.
- Redezeitkorridore (z. B. 2–3 Minuten je Antwort); Timekeeping strikt, aber flexibel bei Kernpunkten.
- Zwischenfazits des Tribunals; offene Punkte werden geparkt und am Ende adressiert.
- Respekt- und Klarheitsregeln: keine Unterstellungen, präzise Quellenangaben, Kennzeichnung von Annahmen.
Praxis-Tipps für Inhouse & Projektteams
- Früh planen: Hot-Tubbing in Verfahrenskalender und PO No. 1 aufnehmen.
- Expertise spiegeln: Symmetrische Teams (Erfahrung, Seniorität) vermeiden Dominanzrisiken.
- Training: Experten auf Kurzantworten, Peer-Reaktionen und „Plain Language“ vorbereiten.
- Kennzahlen im Blick: Zeit-/Kosten-Hypothesen für Management-Entscheidungen (Vergleich vs. Fortführung) vorab definieren.
Fazit
Richtig eingesetzt liefert Hot-Tubbing Tempo, Klarheit und bessere Entscheidungsgrundlagen. Es verlangt jedoch saubere Vorbereitung, klare Regeln und ein aktives Tribunal. Wer das Format bewusst wählt und steuert, erhöht seine Chancen auf effiziente und tragfähige Ergebnisse.
FAQ Hot-Tubbing
In internationalen Verfahren grundsätzlich ja, wenn das Tribunal dies anordnet oder die Parteien zustimmen. Viele Verfahrensordnungen und die gängige Praxis sehen Expert-Conferencing als zulässiges Case-Management-Instrument.
Nicht zwingend. Häufig wird kombiniert: kurze Einzelbefragungen plus gemeinsames Conferencing zu Kernthemen.
Durch klare Redezeiten, Fragerechte und dokumentierte Ablaufregeln (z. B. in PO No. 1).
Bei simplen Sachverhalten, stark asymmetrischer Expertise oder wenn maßgeblich Glaubwürdigkeitsfragen im Vordergrund stehen.
Schnelleres Herausarbeiten entscheidender Differenzen – nützlich für Vergleichsfenster und Ressourcensteuerung.

